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Flaschenpost #02 – Diese Hütte wird von DOC nicht mehr unterhalten

Flaschenpost #02 – Diese Hütte wird von DOC nicht mehr unterhalten

DIESE HÜTTE WIRD VON DOC NICHT MEHR UNTERHALTEN

von Martin Bettinger

Wo der Tag beginnt: Storys aus Neuseeland - Martin Bettinger
Sie ist mit der Zahnbürste
vor die Hütte gegangen und
kommt nach wenigen Schritten
zurück.

„Was ist?“ frage ich. „Hast du
die Zähne vergessen?“

„Für dich. Lag vor der Tür.“
Sie steckt mir eine Feder hinter
das Ohr. Dann geht sie hinaus
und putzt sich die Zähne.

Sie ist zum Oberlauf des Wangapeka
gewandert, um an seinem Quellfluss
ihren Geburtstag zu feiern. Ich habe
sie auf dem Rückweg getroffen,
seither laufen wir zusammen.

Jetzt kommt sie wieder herein
und sagt: „Der Mond, er
sieht heute so traurig aus.“

„Er ist schon lang unterwegs.“

„Ich bin auch schon lange
unterwegs.“

„Und?“ frage ich. „Bist du auch
traurig geworden?“

„Eigentlich nicht.
Manchmal.“

Sie zieht sich aus und
steigt in den Schlafsack.

Ich lege Holz nach.

„Ich lese noch ein bisschen“,
sagt sie.

„Ich lese auch noch ein bisschen“,
sage ich. Ich nehme ihr Tagebuch
und lege es ungeöffnet neben mich
auf den Schemel.

„Gut“, sagt sie nach einer Weile.
„Du darfst darin lesen. Ich habe dir
sowieso fast alles erzählt und –
übermorgen geht mein Flug.“

Ich warte noch eine Weile,
schaue ins Feuer,
schiebe die Kloben zurecht,
dann schlage ich das Buch auf.

Und lese … Wie schön sie sich fühlt
nach einer Woche ohne Spiegel auf
einem Track, nur die fliegenden Haare
um ihr Gesicht, und ihre Hände
so braun, dass man zwischen den
Fingern weiße Dreiecke sieht.

Und wie sie kleiner wird, zurück
in den Orten, in den Cafés, wo
sie sich bei Seitenblicken ertappt
auf jüngere Frauen, schönere
Frauen, lachend in einer Runde
mit andern.

‚Da kann die kleine Josie von innen
strahlen, wie sie will’, schreibt sie.

Ich lese Zeile um Zeile
im Licht einer Kerze
auf einer umgedrehten Tasse.
Irgendwann sage ich: „Es ist schön,
das zu lesen.“

„Es ist auch schön, dich
beim Lesen zu sehen“, sagt sie
aus dem Dunkel ihrer Koje.
„Ich hätte nicht gedacht,
dass das geht.“

Es ist unser letzter Abend
unter einem Mond, der
aufgehört hat zu wandern.
Er steht vorm Fenster und
schaut ihr zu, wie sie mir
zuschaut, wie ich lese, Blatt
für Blatt in ihrem Buch.
In einer Hütte, die von DOC
nicht mehr unterhalten wird.

Aus: „Wo der Tag beginnt – Storys aus Neuseeland“, Conte Verlag 2012

Buchtrailer

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